• Denise

Die Obduktion


10 Wochen haben wir auf die Ergebnisse des Obduktionsberichtes von Rosis Leiche gewartet und nur eine Woche auf den Bericht der Plazenta.

Nach der Geburt konnten wir sofort sehen, dass Rosis linker Arm anders war. Er war kürzer als der rechte und hatte nur zwei Finger. Sie war zwar ein fertiges Baby, aber die nötigen Fettreserven hätte sie sich erst in den kommenden Wochen zugelegt. Daher schimmerten ihre Blutgefäße durch und das führt dazu, dass ihre Haut dunkler als normal und rot aussah. Ansonsten sah sie ein bisschen wie ihre große Schwester Johanna, ganz normal.

Die Obduktion der Plazenta brachte schon erste ernüchternde Ergebnisse:

Die Plazenta hatte schon an sich eine Anomalie. Normalerweise beginnt in der Mitte der Plazenta die Nabelschnur, welche durch die Eihäute zum Kind führt. Bei Rosis Plazenta waren die Gefäße der Nabelschnur statt Mittig an der Seite platziert und teilte sich freiliegend erst über den Eihäuten bevor sie zu Rosi führten. Zu der Anomalie wies die Nabelschnur gestauchtes Blut auf und eine frische Thrombose auf. Rosis Versorgung wurde also zugeschnürt.

,,Aufgrund des ungeschützten Verlaufs der Nabelschnurgefäße kann es in einem frühen Stadium der Schwangerschaft durch Kompressionen und einer damit verbundenen reduzierten Blutzufuhr zu nicht chromosomal bedingten Fehlbildungen des Kindes kommen. Im weiteren

Verlauf der Schwangerschaft ist möglicherweise eine Mangelentwicklung festzustellen. Gegen Ende der Schwangerschaft und während der Geburt kann ein komprimiertes Gefäß einen Sauerstoffmangel des Kindes hervorrufen.‘‘ (Wikipedia)

Ich war mir sicher, dass die Plazenta an Allem schuld war.

Ich war mir sicher, dass sie die Gefäße zum linken Arm nicht versorgt hat und er deshalb einfach nicht ausreichend wachsen konnte.

Ich war mir sicher, dass die gefundene frische Thrombose dafür gesorgt hat, dass sie einfach friedlich in meinem Bauch eingeschlafen ist.

Ich war mir sicher, bis der große Obduktionsbericht da war.


Am 24.06.20, nach meiner Endometriose-Operation, waren die Ergebnisse da.

Da ich sowieso im Krankenhaus lag, bin ich ein paar Stunden nach der OP in das Sekretäriat gestampft und habe mir alles ausdrucken lassen und im Anschluss das Meiste gegoogelt.

Meine kleine Maus hatte diverse Fehlbildungen, die zusammengefasst das sog. Vacterl-Syndrom ergeben. Man kann es auch Vater/Vacterl Assoziation nennen.

1) Kongenitale Fehlbildungen der linken oberen Extremitäten: Aplasie langer Röhrenknochen der linken oberen Extremität, Oligodaktylie links (= Kurzer Arm mit nur zwei langen Fingern)

2) Ösophagusatresie (Fehlbildung der Speiseröhre, in diesem Fall nur eine verengte Speiseröhre ohne Zyste)

3) Wirbelkörperfehlbildungen [Skoliose und teilweise veränderte Wirbelkörper – wie bei mir]

4) Dysplasie der linken Niere (zystisch vergrößert)

Und zuletzt nochmal aufgelistet:

5) Plazenta mit frischer Nabelschnurthrombose ohne Infektionszeichen und genereller Auffälligkeit, nämlich der sog. Insertio-Velamentosa)

Der letzte Satz des Berichtes ist allerdings das entscheidende:

Die Ursache des intrauterinen Fruchttodes konnte im Rahmen der Obduktion nicht geklärt werden. Als Risikofaktoren sind die Vacterl Assoziation an sich sowie die Auffälligkeiten der Plazenta ( Velamentosa, Thrombose) zu diskutieren

Eine Ärzte im Krankenhaus hat sich sehr lange mit mir hingesetzt und den Bericht erklärt und mit mir darüber philosophiert und diskutiert.

Wir waren uns einig: Wahrscheinlich ist Rosi tatsächlich an der frischen Thrombose gestorben. Die Ärztin schätzte die Fehlbildungen der Organe nicht so gravierend ein, als dass sie daran

verstorben wäre, zumindest nicht so spät erst. Sie wäre mit Sicherheit direkt an der Speiseröhre operiert worden, aber alles andere hätte sie am Leben nicht gehindert. Selbst wenn die eine Niere nicht arbeitsfähig gewesen wäre, hätte sie trotzdem eine kerngesunde Niere gehabt, daher glaubt sie auch nicht, dass die Niere die Ursache war. Zudem passt der Tod zu der frisch vorgefunden Thrombose. Im Gehirn konnten keine Schäden nachgewiesen werden, also wäre sie sehr wahrscheinlich kognitiv nicht eingeschränkt gewesen.

Ich finde mit diesem Obduktionsbericht ein Stück weit mehr Frieden.

Ich bin die Berichte so oft mit Fachleuten durchgegangen… Mit den Krankenhausärzten, mit der Ärztin aus der Kinderwunschklinik, mit meinem Hebammen und nochmal kurz mit meiner normalen Gynäkologin. Jedes Mal hat es mir ein Stück weit mehr Friede gebracht.

Mir war es wichtig zu verstehen, warum das Ganze passiert ist oder wahrscheinlich passiert ist.

Totzdem frage ich mich immer wieder, ob man nicht vieles hätte sehen müssen, hätte reagieren müssen. Und was das geändert hätte.

Die Speiseröhre und die Niere, hätten die nicht auffallen müssen im großen Ultraschall zwei Wochen vorher? Dass man bei diesem Ultraschall den kurzem Arm nicht gesehen hat verstehe ich, weil Rosi seitlich lag, mit dem betroffenen Arm nach hinten. Aber was war bei den Terminen vorher?

Im besten Fall hätte man mich zur Feindiagnostik geschickt, Rosis ,,Fehler‘‘ gesehen und ggf. schon die Speiseröhre im Mutterleib operiert (ja, das geht). Oder man hätte mir ganz simples ASS verschrieben oder mir Heparinspritzen verordnet, damit mein Blut sich verdünnt und keine Thrombosen entstehen können. Dann wäre Rosi bei uns auf der Welt, gekennzeichnet durch ihren Arm wahrscheinlich immer ein wenig Anders, aber sie wäre hier bei uns. Und sie wäre überschüttet worden mit all unserer Liebe.

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