• Denise

Die stille Geburt

Aktualisiert: 4. Juli 2020

Am nächsten Morgen packte ich meine Kliniktasche. So, wie ich es bei Johannas Geburt gemacht hatte.

Ich hatte sogar einen Bikini eingepackt, falls ich in die Badewanne komme, wohl wissend, dass ich dann sowieso nackt wäre.

Um 8 Uhr hat mein Mann im Kreißsaal angerufen, und man sagte ihm, dass ich erst um 12 kommen soll. Also fuhr ich mit meiner Schwester wie gewohnt erst mal in Richtung Wald.

Ich knipste an einem noch blühenden Kirschblütenbaum ein paar Äste ab, die ich für Fotos mit der kleinen Maus benutzen wollte.

In der Zwischenzeit rief mein Mann an und sagte, dass ich schon um 10 Uhr da sein soll. Ich hatte Angst.

Ich hatte so eine große Angst, meine tote Tochter auf die Welt bringen zu müssen.

Wir drehten also um, und fuhren nach Hause. Meine Schwester holte ihren Mann um mit den Beiden Kindern weg zu sein, während mein Mann und ich uns auf den weg zum Krankenhaus machten.

Martin, mein Mann, setzte mich am Krankenhaus ab. Wir hielten uns noch eine Weile im Arm und er sagte:,, Du schaffst das, du bist so eine starke Frau!’’.

Aber ich fühlte mich alles Andere als stark und hatte furchtbare Angst, Martin mit unserer Tochter und diesem Schmerz alleine zu Hause lassen zu müssen.

Ich ging ins Krankenhaus und meldete mich an der Forte an. ,,Für welchen Eingriff sind sie angemeldet?’’.

,,Mein Mann hat mich angemeldet, ich bin für eine stille Geburt hier!’’ sagte ich leise.

Der Mann an der Forte meldete mich per Telefon für die Besprechung bei einer Ärztin an und erklärte mir den Weg dahin.

Eine Hebamme und eine Ärztin machten gemeinsam mit mir die Anamnese, einen erneuten Ultraschall und ließen sich bei Allem unheimlich viel Zeit. Sie brachten eine gewisse Ruhe in mich und diesen Tag und halfen mir nochmal zu begreifen was gerade passierte.

Der Chefarzt, der mich falls nötig operieren sollte, stellte sich mir auch vor und schallte ebenfalls nochmal meinen Bauch.... Das war Gott sei Dank der letzte Schall und der letzte Arzt, der mir bestätigen musste, was ich ja schon längst wusste.

Mein nächster Anlauf war der Anestäsist. Er Erklärte mir Mögliche Nebenwirkungen und füllte mit mir schon einen Bogen für eine PDA aus.

Er erklärte mir sehr ruhig und so einfühlsam es nur möglich war, dass ich noch eine Ausschabung bekomme, falls Plazentareste zurück bleiben ich aber ruhig eine PDA in Anspruch nehmen soll. ,,Sie sollen keine Unnötigen Schmerzen erleiden müssen. Der Gang ist Schwer genug und soll Ihnen ein Abschied sein. Und sollte noch eine Ausschabung nötig sein, brauchen wir mit einer gelegten PDA keine Narkose mehr’’, sagte er.

Mein nächster Gang ist die Station.

,,Ach, Sie sind die Frau Heise. Es tut mir sehr leid, kommen Sie mit, ich bringe Sie auf Ihr Zimmer’’, sagte die Schwester und brachte mich in einen anderen Gang, weg von den Neugeborenen auf ein Einzelzimmer.

Sie erklärte mir die Nutzung von TV und Internet und das ich Jederzeit klingeln kann, wenn ich etwas brauche. Die Ärztin würde sich gleich melden, wann ich in den Kreißsaal kommen soll um das Einleitungsmittel zu legen.

Kurze Zeit später, um 13 Uhr, kam die Ärztin in mein Zimmer, und legte mir direkt dort das Einleitungszäpfchen. Ich vermute, dass im Kreißsaal zu viel los war, und man mir die Ruhe gönnen wollte.

Ab und zu telefonierte ich mit Martin und meiner Schwester, konnte aber nur von leichten Kontraktionen berichten und dass mir sehr, sehr kalt war.

Um 17 Uhr kam die Ärztin um mir erneut ein Zäpfchen zu legen.

Sie fragte mich, ob ich über Nacht einen Wehenhemmer haben möchte falls es nicht weiter geht oder wir es versuchen wollen weiter durchzuziehen. Ich wollte nicht warten und zur Not die ganze Nacht dazu nutzen, um die Einleitung weiter voran zu bringen.

Sie sprach mir Mut zu, und bestätigte mich in meiner Entscheidung.

Weil mir so kalt war wurde Fieber gemessen, welches zu der Zeit knapp über 38 war.

Ich sollte mich melden wenn ich eine Verschlechterung verspüre. Ab da kamen die Schwestern öfter in mein Zimmer und schauten nach mir und messten meine Temperatur. Mir ging es zunehmend schlechter und Mein Fieber stieg auf 39,4 Grad.

Um 19 Uhr schickten die Schwestern mich in den Kreißsaal um mich von der Ärztin erneut untersuchen zu lassen. Sie nahm mir Blut ab. Bis zu den Ergebnissen sollte ich dort in ihrer Nähe zur Beobachtung bleiben und bekam einen Tropf mit Antibiotikum.

Die Hebammen hatten Schichtwechsel und die neue Hebamme stellte sich mir vor. Sie war etwas älter und war merkbar anders zu mir als die Meisten bisher. Sie hatte keine Angst vor mir oder davor sich in dieser Situation falsch verhalten zu können. Sie brachte mir Tee und ließ mich auf meinen Wunsch hin alleine im Zimmer. Mein Muttermund war erst bei 3cm und ich rief meinen Mann um 20 Uhr an, dass es noch dauern wird.

Die Wehen wurden plötzlich deutlich stärker. Ich versuchte mich zu konzentrieren und auf meine Atmung zu achten.

Mit meinem Handy stoppte ich die Zeit. 45 Sekunden Wehe, 20 Sekunden Pause.... 50 Sekunden Wehe, 15 Sekunden Pause... 50 Sekunden Wehe, 25 Sekunden Pause... Ich merkte einen Druck nach unten.

,,Das kann nicht sein, du irrst dich!’’

Ich merkte plötzlich, dass ich auf Toilette muss! Ich suchte den ,,Knopf’’ um die Hebamme zu rufen, fand ihn aber nicht. Dann riss ich mir alles von mir und lief mit dem Antibiotikatropf in den Flur wo die Ärztin mir direkt entgegen lief. ,,Wo ist die Toilette?’’, fragte ich ,,Ich muss sehr dringend... Ich glaube ich bekomme Durchfall’’. Die Ärztin führte mich zur Toilette und bat mich die Türe nicht abzuschließen.

Ich hatte Probleme mit meinem Kreislauf und konnte die Wehen nicht mehr richtig veratmen. Als ich das Gefühl hatte die Toilette verlassen zu können ging ich, stützend auf dem Antibiotikatropf, in den Flur in Richtung meines Bettes. Soweit kam ich aber nicht. Die Wehen wurden so heftig, dass ich laut weinend im Flur stehen blieb.

,,Ich möchte eine PDA’’, rief ich laut, als schon die nächste Wehe kam. Ich sackte zusammen und hing kurz vor dem Boden, fast auf allen Vieren, an diesem Tropf und weinte ganz laut. Die Ärztin und Hebamme waren schon bei mir und wollten mich zum Bett bringen.

,,Wir untersuchen Sie schnell und dann bekommen Sie sofort die PDA!’’, sagte die Ärztin.

Die nächste Wehe kam. Ich konnte nicht in mein Bett.

,,Nein, ich muss nochmal auf Toilette, bitte!’’, flehte ich die Beiden an. Sie brachten mich zurück.

Die Wehen veränderten sich. Mein Kreislauf ging immer wieder weg. Ich merkte wie mein Körper anfing mein Kind aus mir raus zu schieben. Ich fasste nach unten und spürte den Kopf.

,,Oh Gott, nein! Sie kommt, sie kommt! Sie ist schon fast da’’, schrie ich in den Flur.


,,Nicht abspülen!

Nicht abspülen’’, schrie die Ärztin und rannte zu mir.

,, Ich hab sie! Ich halte sie!’’,, sagte ich weinend, als die Ärztin und die Hebamme mich von der Toilette in den das Kreißsaalzimmer brachten.

Ich entschuldigte mich immer wieder, weil mir das alles so peinlich war.

Ich wollte, dass man Martin anruft, aber ich merkte auch, dass grad Niemand Zeit dafür hat und griff selber zu meinem Handy. ,,Du musst kommen, jetzt direkt, sie ist gleich schon da!’’, sagte ich zu Martin am Telefon, als ich immer noch den schon geborenen Kopf meiner Tochter in der Hand hielt. Ich wusste, dass es unmöglich ist, noch weiter zu warten und lies den Rest geschehen.

Um 20:47 wurde Meine Tochter in der intakten Fruchtblase geboren.

Die Hebamme fragte mich lächelnd, ob wir gemeinsam weiter machen wollen, es sei was ganz besonderes. Ich nickte.

Sie öffnete die Fruchtblase und legte die Kleine etwas frei. Ich nahm sie aus der Fruchtblase und legte sie auf ein Handtuch, welches mir die Hebamme auf den Schoß legte.

Bevor sie weiter machte, sagte ich, dass mein Mann die Nabelschnur durchschneiden soll. Sie war sehr angetan davon und lies mich mit der Kleinen im Arm da sitzen bis mein Mann kam.


Die Hebamme schaute sich die Kleine mit mir an und sagte, wie wunderschön sie doch ist. ,,Sie ist perfekt, so wie sie ist’’ sagte sie, und zeigte mir ihren linken Arm, der kürzer als der Andere war und nur zwei Finger hat.

Ich erkenne Ähnlichkeit zu Johanna, unserer großen Tochter.

Mein Mann ist da. Er kommt in das Zimmer und sieht sofort, dass sie schon da ist.

Er weinte bitterlich als ich ihm unsere Tochter in den Arm legte.

Gemeinsam mit der Hebamme durchtrennte er die Nabelschnur und legte die kleine Maus danach in ein sauberes Handtuch. Anschließend gab man uns alle Zeit der Welt um gemeinsam zu kuscheln, sie anzuschauen und Abschied zu nehmen. ,,Wie heißt unsere Tochter?'' fragte ich Martin. Er antwortete: ,,Sie heißt...

Der Oberarzt schaute sich zwischenzeitlich die Plazenta an und sagte mir, dass ich auf jeden Fall nochmal operiert werden soll, da sie nicht vollständig sei. Zwei Stunden später wurde der Eingriff erst gemacht. Die Stunde in der ich weg war, galt nur meinem Mann und seiner Tochter. Er konnte alleine kuscheln, nahm Fußandrücke von der Maus ab und konnte sich in Ruhe verabschieden.

Um ca. 01 Uhr Morgens haben wir beschlossen, Rosalie Marie jetzt gehen zu lassen. Nach ein bisschen Papierkram und Abschlussgesprächen konnten wir um 02 Uhr nach Hause gehen. Meine Schwester lag bei uns auf der Couch und kuschelte mit der Großen. Wir machten uns schnell bettfertig und nahmen sie mit zu uns und kuschelten die Nacht gemeinsam.

Der nächste Tag war so leer. Wir sackten immer wieder zusammen und weinten viel, aber Johanna hat uns von Anfang n nicht tief fallen lassen. Sie hat uns ständig in den Arm genommen und gesagt:,, Mama traurig, aber Hanni da!’’.

Wir haben versucht den Alltag für unsere große Tochter so gut es geht normal weiter laufen zu lassen. Durch die Pandemie sind wir seit Wochen alle schon viel zu Hause und gemeinsam im Garten. Die Nähe zu meiner Schwester und meinem Schwager hat uns sehr geholfen schnell zurück zur Normalität zu gelangen. Aber genau diese Situationen sind gleichzeitig auch am schmerzhaftesten.

Wie oft sitze ich mit meiner Schwester im Garten während unsere fast gleichaltrigen Töchter zusammen spielen, händchenhaltend durch die Gegen laufen, sich knutschen und in den Arm nehmen. Und genau das wird es nicht nochmal geben. Louisa, ihre kleine Maus wird bald auf die Welt kommen und muss ohne unsere Rosi durch den Garten laufen. Das ist nicht fair. Wir vermissen jetzt schon so sehr das Leben, was wir uns für diese kleinen Mädchen so sehr gewünscht haben.

1,442 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

Gewissheit

-

---